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Wirksamkeitsforschung

Die Implementierung des Präventionskonzeptes von Keiner fällt durchs Netz wurde in zwei langjährigen Studien wissenschaftlich begleitet. In einer Begleitevaluation wurden anhand der Dokumentation von Landkreiskoordinatorinnen und aufsuchenden Helferinnen die Zugangs- und Vermittlungswege im Projekt, Merkmale der betreuten Familien sowie die Belastungseinschätzung von Eltern und Kindern, die durch KfdN erreicht wurden, erfasst. Die Ergebnisse der Begleitevalutation sind in den Bilanz- und Jahresberichten der einzelnen Projektregionen dargestellt.

Eine zweite Studie, das Projekt Frühe Interventionen Für Familien (PFIFF), befasst sich mit der Wirksamkeit von Keiner fällt durchs Netz. Die PFIFF - Studie ist in einem naturalistischen Kontrollgruppen-Design angelegt. Bislang wurden über einen Zeitraum von vier Jahren der kindliche Entwicklungsverlauf und elterliche Kompetenzen in Interventions- und Kontrollfamilien erfasst.

Projekt Frühe Interventionen Für Familien (PFIFF)

Keiner fällt durchs Netz wurde während seiner Implementierung durchgängig durch die Studie „Projekt Frühe Interventionen für Familien – PFIFF“ in seiner Wirksamkeit evaluiert. Innerhalb des Follow-up-Designs wurden Familien, die Unterstützung durch KfdN erhalten haben, sowie eine Kontrollgruppe bisher bis zum 4.  Geburtstag der Kinder verfolgt, um langfristige Effekte der Hausbesuche zu untersuchen. Der Schwerpunkt der Untersuchung lag dabei auf der mütterlichen Kompetenz, dem Entwicklungsstand der Säuglinge, kindlicher Symptomatik, elterlicher Stressbelastung und Aspekten der Eltern-Kind-Interaktion.

Design

Die Wirksamkeitsevaluation von KfdN wurde in einem längschnittlichen, quasiexperimentellen, naturalistischen Design durchgeführt. Dazu wurden 150 Familien, die eine Intervention durch KfdN empfangen haben mit 152 Kontrollfamilien verglichen. Die Kontrollfamilien wurden in Gebietskörperschaften rekrutiert, in denen keine KfdN Intervention stattfand. Die Entscheidung für ein naturalistisches Design, ohne randomisierte Zuweisung der Familien zu Kontroll- und Interventionsgruppe basiert auf dem Ziel, möglichst alle belasteten Familien in den beteiligten Landkreisen zu erreichen und den möglichen negativen motivationalen Effekten beteiligter Institutionen bei der Zuweisung von Kontrollfamilien. In der resultierenden Zusammensetzung der Stichproben erwies sich die Kontrollgruppe als insgesamt weniger sozial belastet. Dieser Umstand wurde mit Hilfen von Kovariaten in den späteren Analysen berücksichtigt. Ein vollständiger Überblick über die Komposition der Stichprobe findet sich bei Sidor et al. (2013).

Die Familien wurden im bisherigen Verlauf über 5 Messzeitpunkte (Prä-Untersuchung, während der Intervention, Post-Erhebung und 2 Follow-up Untersuchungen) über einen Zeitraum von 42 Monaten begleitet. Die Dropoutquote lag zur Post-Erhebung bei 9,3%, zum ersten Follow-up Zeitpunkt bei 25,5% und bei der zweiten Follow-up Erhebung bei 38,4%. Die Drop-out Quote unterschied sich im Follow-up nicht signifikant zwischen Interventions- und Kontrollgruppe, war jedoch sozial selektiv, wobei mehr Mütter mit niedrigerem sozioökonomischen Status aus der Studie ausschieden.

Messinstrumente

Zur Evaluation der Wirksamkeit von KfdN wurden sowohl Entwicklung und Symptomatik des Kindes als auch Aspekte der Mutter-Kind-Interaktion und die mütterliche Belastung erhoben.

Kindliche Entwicklung & Symptomatik:

(1) Ages and Stages Questionnaire (ASQ; Squires & Bricker, 1999)

Der ASQ soll die kindliche Entwicklung innerhalb der ersten fünf Lebensjahre erfassen. Dabei werden Entwicklungsdefizite vor allem in Bezug auf Hoch-Risiko-Familien erfasst.

(2) Child Behavior Checklist  (CBCL; Achenbach & Rescorla, 2000)

Die CBCL soll die kindliche Symptomatik erfassen, die anhand von sechs Problem-Skalen abgebildet wird.

Mutter-Kind-Interaktion:

(3) CARE-Index (Crittenden, 2003)

Im CARE-Index wird die elterliche Feinfühligkeit anhand von 5-minütigen videografierten Spielsituationen eingeschätzt.

Belastung der Mutter:

(4) Allgemeine Depressionsskala (ADS; Hautzinger & Bailer, 1993)

Die ADS wurde zur Erfassung der mütterlichen depressiven Symptomatik eingesetzt.

(5) Parenting Stress Index - Short Form (PSI-SF; Abidin, 1995)

Der PSI erfasst sowohl die elterliche Belastung als auch Aspekte der Eltern-Kind-Interaktion, indem auf drei Skalen die elterliche Belastung, dysfunktionale Eltern-Kind-Interaktion und die Wahrnehmung des Kindes als "schwierig" von den Eltern erfragt wird.

Ergebnisübersicht

Im Folgenden wird eine kurze Übersicht über die wichtigsten Ergebnisse gegeben. Eine detaillierte Darstellung findet sich beispielsweise bei Sidor et al. (2013) und im Bilanzbericht der KFDN Projektphase im Saarland.

Bezüglich der kindlichen Entwicklung zeigten sich positive Effekte der Intervention zur Post-Erhebung. Die Kinder, deren Familien eine Intervention mit KfdN erhielten, zeigten einen besseren Stand in der sozialen Entwicklung (ASQ) als die Interventionsgruppe (d=0,34). In der Follow-up Untersuchung glichen sich die beiden Gruppen im sozialen Entwicklungsstand an. In der kindlichen Symptomatik waren keine signifikanten Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe feststellbar.

In der Beurteilung der Mutter-Kind-Interaktion  in einer Spielsituation zeigten Mütter in beiden Gruppen ein feinfühligeres Interaktionsverhalten zum Ende der Intervention, das sich vor allem im kognitiven Bereich ausdrückte, die Interaktion zwischen Gruppe und Zeit war nicht signifikant. Die Angaben der Mütter zur dysfunktionalen Eltern-Kind-Interaktion (PSI-SF) zeigten einen positiven Effekt der Intervention zur Post-Erhebung (d=0,19), der im Follow-up nicht mehr nachzuweisen war. Insgesamt schätzten die Mütter der Interventionsgruppe ihr Kind zur Post-Erhebung als weniger schwierig ein. Dieser positive Effekt auf der Skala Schwieriges Kind (PSI-SF) war auch zum 1-Jahres-Follow-up noch feststellbar (d=0,37).

Die mütterlichen Stressbelastung (PSI-SF) ging in beiden Gruppen zum Ende der Intervention zurück, ein Interaktionseffekt zwischen Gruppe und Zeit war nicht festzustellen. In der depressiven Symptomatik bestanden ebenfalls keine Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe.

Erste Ergebnisse zum 3-Jahres-Follow-up mit Hilfe des IMMA-Fragebogens zum Impuls Management (Pauen) weisen auf positive Effekte der Intervention bezüglich des elterlichen Erziehungsverhaltens hin.

Die Ergebnisse zeigen einen positiven Effekt der Intervention auf die kindliche Entwicklung und einige Aspekte der Eltern-Kind-Interaktion insbesondere zum Ende der Intervention. Die Abnahme der Effekte im Vergleich zur Kontrollgruppe zum Follow-up Zeitpunkt könnte darauf hinweisen, dass bei den hier betreuten Hoch-Risiko-Familien eine intensivere/längere Betreuung in Form von Hausbesuchen oder ein stärkerer Fokus auf den Übergang in weitere Unterstützungsformen, die die Eltern der KfdN-Familien entlasten können (z. B. Tagesbetreuung), notwendig ist.


Dieser Text wurde in Auszügen aus dem Beitrag "Keiner fällt durchs Netz"  Wie eng muss das Netz geknüpft werden? (Cierpka & Evers, 2014) in Psychoanalytische Familientherapie entnommen.